egger gil

Jedes Medium misst sein Zielpublikum. Dank den Technologien des Internets sind wir nicht mehr auf allgemeine Schätzungen von Daten über Zeitschriften, Radiosender und TV-Sender angewiesen: den Kreis der Leser, der Hörer und TV-Zuschauer. Dank den Daten im Internet, welche die Techniker mühelos liefern, ist es heute möglich, genau zu erfahren, wer sich wie informiert und wie viel Zeit er dafür aufwendet. Diese Veränderung hat ein neues Bedürfnis geweckt. Gewisse rein digitalen Medien wechseln zu einer neuen Form von Journalismus: Journalismus, der vom Publikum her kommt.

Die Redaktionen diskutieren, finden die interessierenden Themen, man recherchiert und veröffentlicht das Ergebnis der Arbeit. Aber das war einmal. Sites im Internet wie Hearken arbeiten in genau umgekehrter Richtung. Die Abonnenten intervenieren direkt. Sie sind es, die beobachten, die sich Fragen stellen, die sich engagieren und das Team professioneller Journalisten auswählen, um einer Sache auf den Grund zu gehen. Die Site nennt dies «public powered journalism». Dies könnte man verstehen als Journalismus, der vom Publikum geschaffen wird. Haerken bedient viele Gründer von «newsrooms», die sich nicht nur inhaltlich, sondern auch unternehmerisch radikal verändert haben. Die Basis, also die sakrosankte Art, Themen zu wählen, welche durch die Werbung bezahlt werden ist oft Geschichte. Sie wurde in vielen Fällen abgelöst durch ein finanzielles Engagement der Nutzer. Das gute alte System des durch die Benützer zu bezahlenden Abonnements hat den Vorteil, die Kundschaft streue zu fördern und abschätzbare regelmässige Einkommen zu sichern, die weniger von den Launen der Werber abhängig sind.

Der Schlüssel zum Erfolg: Hinhören als absolute Priorität. Es geht darum, die Interessen des Publikums sehr genau zu kennen, auf diese einzugehen, und zwar exakt und vollständig. Dies genügt aber noch nicht. Das Modell von Haerken besteht auch darin, die Entwicklung der Dinge zu verfolgen, wie das Team der Journalisten vorgeht, wie es sich entwickelt und vor allem, auf welche Weise es auf die Bedürfnisse achtet. In vielen Fällen konnten politische und administrative Fehlleistungen aufgedeckt werden, was bedeutende Veränderungen für die Bürger zur Folge hatten.

Diese Art des Vorgehens verändert den Beruf des Journalisten. Statt auf die Ratschläge der Lehrpersonen zu hören, die erklären auf welche Art das Interesse des Publikums geweckt werden könnte, wird es für Studierende und Praktikanten wichtiger sein, zu lernen auf jene zu hören, an die sie sich wenden, ihre Fragen zu entdecken, sich selbst gute Fragen zu stellen und die Themen auszubauen und in weitere Zusammenhänge zu stellen. So wird eine enge Sicht der Dinge vermieden. Zum Beispiel der Populismus, den man als Diener der Wutbürger, ihres Hasses und ihrer Ängste definieren könnte. Sehr verbreitete Gefühle können gewiss einmal thematisiert werden, aber nur dann, wenn Journalisten, die sie behandeln, ihnen nicht das Feld überlassen.

Diese Art des Vorgehens begann vor mehreren Jahren. Dies beweist, dass sich nichts auf Anhieb von selbst ereignet. In unserem Land befinden sich viele Akteure des Informationswesens auf der Suche nach Lösungen. Auch wenn die neue Art des Arbeitens nicht alle Probleme löst, öffnet sie eine Perspektive, regt sie an nutzbringend zu denken und unseren Beruf zu fördern und ihm eine lokale Langlebigkeit zu sichern.

Gil Egger, Präsident